Brennen von Kleinteilen ab 1270 C

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Maria Ortiz Gil
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Re: Brennen von Kleinteilen ab 1270 C

Beitrag von Maria Ortiz Gil » Sonntag 14. Juli 2019, 14:38

Hallo luz,

Uff, jetzt kommt endlich Licht ins Dunkel!

Mir fällt dazu nur ein, dass du mal in den Keramikschulen nachfragen könntest, in der Burg Giebichenstein in Halle und/oder in der Keramikfachschule in Höhr-Grenzhausen. In irgend einer Ausstellung habe ich deren 3-D-Keramik-Versuche gesehen, also müssen sie dort Bescheid wissen.
(die Ergebnisse fand ich mehr als langweilig. Irgendwelche Formen, die man sonst wie machen könnte, und die sich nur dadurch vom Üblichen unterscheiden, dass sie aus übereinanderliegenden Würstchen gemacht sind. Nicht mal diese Nudelstruktur war gestalterisch eingesetzt.)

Auch ich würde so etwas in meinem Ofen und überhaupt sowieso nicht brennen. Kunststoffe zu verbrennen scheint mir nicht erstrebenswert. Schon schlimm genug, was wir Keramiker normalerweise so anstellen. Wäre es nicht sinnvoller den Schmuck gleich im Drucker aus Kunststoff zu machen? Keramik geht ja auch viel schneller kaputt.

Schönen Gruß und viel Erfolg.
Maria

luz
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Re: Brennen von Kleinteilen ab 1270 C

Beitrag von luz » Sonntag 14. Juli 2019, 16:06

"Uff, jetzt kommt endlich Licht ins Dunkel!" :D Sorry!!

Ich hatte keine Ahnung, bis Wolfgang "lebensmittelecht" mit einbezog und mir dämmerte, dass meine Mission gar nicht so unschuldig ist.

Was bedeutet "potentiell Reduktion im Ofen"?
Ein alter, gebrauchter Ofen klingt gut. Nur hätte ich dann nur Hausstrom und wenig Platz. Noch habe ich zu wenig Ahnung, inwieweit der Ofen den Raum mit aufheizt, abgesehen von der heißen Stromrechnung. Vielleicht mag mir jemand etwas dazu sagen?

Arthur, ja, ich frage nach. Bisher kam nicht viel Hilfe, wohl auch weil die Hersteller aus den USA kommen.

Maria, danke für die Hinweise. Du schreibst: "Schon schlimm genug, was wir Keramiker normalerweise so anstellen." Was denn z.B.?
Kunststoffschmuck ist für mich als Goldschmied ein No-Go.

Maria Ortiz Gil
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Re: Brennen von Kleinteilen ab 1270 C

Beitrag von Maria Ortiz Gil » Sonntag 14. Juli 2019, 18:56

Hallo luz,

nur wer sich nicht mit der Sache ernsthaft beschäftigt hat, denkt dass Töpfern irgendwie Öko ist.
Aber das sind Flausen, die sich die dazu passenden Bastelheimer/innen gerne so vorstellen.

Erstens verwendet man dabei eine Menge Materialien, die nicht nur für denjenigen der damit hantiert gesundheitlich gefährlich sind (Stäube), sondern auch für die armen Leute, die in irgendwelchen Minen weit weg von Europa das Zeug unter unmenschlichen Bedingungen rausholen müssen, (Kupfer, Kobalt, Mangan, Barium, Selen, und vieles mehr).
Ganz zu Schweigen von dem was beim Transport und beim Verpacken mal nebenbei runterfällt und die Umwelt belastet.

Dann kommt der enorme Energieverbrauch dazu, dessen Rechtfertigung nicht unproblematisch ist, aber..., wir ham's ja.
Und wo keine Elektrizität vorhanden ist, brennt man sogar mal mit Kohle, Altöl, oder mit dem nebenan liegenden Wald, auch wenn nicht mehr so viel davon vorhanden ist.
Keramiker, die Freifeuerbrände machen, womöglich noch mit Salzglasuren, lassen dabei ganz böse Dämpfe in die Luft.

Das Thema ist freilich komplex. Andere Sachen mögen schlimmer, oder auf die Dauer schlimmer sein, oder, oder, oder, (10.000 Einweg-Plastikbecher versus Tontasse aus dem 12. Jahrhundert), wer kann das schon so genau ausrechnen.

Nun bin ich ja "auch so eine", und mir ist klar, dass mein ökologischer Fußabdruck nach 45 Jahren Keramikerinnendasein wahrscheinlich um den halben (oder ganzen) Erdball reicht.
Muss das sein?
Das muss jeder für sich entscheiden. So wie ich z.B. entschieden habe keinen SUV zu fahren (könnte ich mir auch gar nicht leisten, ha ha...!) oder etliche lange Reisen durch Europa mit dem Zug statt mit dem Flugzeug zu machen, lange noch bevor es in aller Munde war, dass man das lieber so machen soll. Vielleicht springen dabei als Ausgleich ein paar Keramikbrände raus.

Ein Reduktionsbrand ist ein Brand, bei dem der Ofenatmosphäre Sauerstoff entzogen wird. Der Grund dafür ist, dass sich das Feuer dadurch Sauerstoffmoleküle aus den Glasuren holt und dabei andere Farben entstehen als sonst. Das schadet aber sehr den Spiralen, weshalb man das normalerweise nicht in einem elektrischen Ofen macht, traditionell wird das im Holzofen gemacht.
Man wirft durch ein kleines Loch irgend etwas brennbares dazu, wenn das entflammt, wird der Sauerstoff reduziert, da jede Flamme Sauerstoff braucht.
Die Spezialisten dafür mögen mich bitte falls nötig verbessern, ich habe es nie gemacht und es ist nur Berufschulwissen.

Einen alten, gebrauchten Ofen, wie vorgeschlagen wurde, wird man wohl nicht so leicht und immer wieder auf 1270 bringen, erst recht falls es so sein sollte, dass das Material die Heizspiralen schädigt. Aber dennoch gibt es kleine Öfen (Waschmaschinengröße), so genannte Top-Lader die man von oben öffnet, die man an 220 V anschließen kann. Findet man im Internet. Der sollte dann aber in der Garage (der SUV bleibt so lange draußen) bei offenem Fenster stehen und nicht im Schlafzimmer. Und dann kommt es auf auf die Leitung im Haus an, ob die für den Verbrauch ausgelegt ist.

Dass Kunststsoff für dich als Goldschmied nicht akzeptabel ist, kann ich verstehen. Es fängt ja schon damit an, dass die Kunden für Kunststoff wahrscheinlich nicht viel bezahlen wollen.
Musst du diese Teile selber machen und unbedingt mit dem 3-D-Drucker, oder könntest du sie an einen Keramiker weitergeben, der sie für dich macht? Das meiste geht doch auch im Hohlguss. Zu filigrane Keramik bricht ja leicht. Du hattest geschrieben, dass die Teile nicht hohl gedacht sind.
Das gibt ein ziemliches Gewicht. Nicht dass den Kundinnen nachher die Ohren lang werden.
Und beim 3-D-Druck bleiben immer diese entlarvenden Schichten sichtbar, die man, falls man sie nicht will, oder nicht als Gestaltungselement mit einbezieht, aufwendig abschleifen müsste.
Es gibt Keramiker, die z.B. Porzellanschmuck machen. Die findest du im Internet. Da kann man bestimmt anfragen. Kommt wahrscheinlich auf die Stückzahl an und wie nah das optisch an deren eigenen Werken dran liegt. Kleinteile lassen sich ja auch gut verschicken.
Eine Keramikerin in Berlin fällt mir spontan ein, wenn du den Kontakt willst, schreibe mir: tontonton@posteo.de

Schönen Gruß
Maria

wolle
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Re: Brennen von Kleinteilen ab 1270 C

Beitrag von wolle » Sonntag 14. Juli 2019, 21:13

Hi,
die Reduktion ist nicht soooo schlimm, das bekommt man mit genügend Luftzufuhr wieder hin. Aber die Abgase aus der Kunststoffverbrennung sind da schon fataler.
Der Ofen, den die Formlabs selber zeigen (https://formlabs-media.formlabs.com/fil ... ling-2.jpg) ist ein Muffelofen.

Einen Muffelofen für ca. 1000 Euro findest Du bei Etsy (Stichwort Muffelofen & 1300 Grad). Sowas haben Töpfer eher nicht.

Gruß,
Wolfgang

Ursula28
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Re: Brennen von Kleinteilen ab 1270 C

Beitrag von Ursula28 » Montag 15. Juli 2019, 23:18

Hallo Luz,
bei dem Ceramic Resin handelt es sich ja um ein Gemisch aus Verbundharz ( organisch ) und Silikaten.
Um Deine Werke glasieren zu können solltest Du sie erst Schrühen.
Wenn Du Dir die Brennkurve von Formlaps anschaust siehst Du, dass die erste Rampe bei 250° ist und 10 Std dauert. Dies ist wohl die Temp. und Zeit um den Verbundharz auszubrennen. Kohlenstoff ist bei 650°C rückstandlos verbrannt. Du solltest die Brennkurve ändern, da Formlaps den Quarzsprung nicht bedacht hat. Der Quarz macht bei 575 °C eine sprunghaft Volumensausdehnung um 2% . Deshalb soll man bei jedem Brand bis ca. 600°C langsam aufheizen. Du solltest also nach dem Ausbrennen weiter langsam Aufheizen bis ca. 600°C (dann ist deer Quarzsprung abgeschlossen) mit einer Aufheizgeschwindigkeit von ca. 120°C / Std. Deine Endtemp. für den Schrühbrand empfehle ich bei 940°C.
Dies hat den Vorteil, dass Du nach dem Schrühbrand noch die Werke glasieren kannst, da sie noch nicht gesintert sind. Den Glasurbrand ( auch da ist der Quarzsprung zu beachten) kannst Du wie gewohnt brennen. Dann viel Erfolg.
Gruß Ursula

luz
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Re: Brennen von Kleinteilen ab 1270 C

Beitrag von luz » Donnerstag 18. Juli 2019, 12:07

Hallo Leute!

Herzlichen Dank für die Antworten.

@Maria
Umweltschädliche Aspekte finde ich auch in meinem Beruf. Der Irrglaube bei mir ist eher, dass ich in meiner Werkstatt relativ sauber arbeite, aber das Gold/Silber aus der Scheideanstalt ist wohl nicht ohne, meine ich. Müsste mal tiefer graben.

Ich habe mich ein wenig mit Kunststoff befasst, wollte es durch schöne Pigmente aufwerten. Evtl. ist das jetzt in Verbindung mit 3D-Druck einfacher, aber es wäre von der Ästhetik/Haptik her nicht mit Edelmetalle oder Keramik zu vergleichen.

Gerade mit 3D-Druck lassen sich exakte und komplexe Formen machen, die man mit Handarbeit nicht derart hinbekommt. Daher reizt mich das. Bzgl. Gewicht: Es werden eher Anhänger. Bzgl. Nachbearbeitung: Aufwendig abschleifen muss ich auch Edelmetalle nach dem Guß.

Vom Hersteller des Ceramic Resins habe ich nun folgende Antwort bekommen:
Generell wird das organische Material beim brennen ausgebrannt, es sollten also keine Polymerrückstände hinterbleiben. Genaueren Informationen, ob sich das Ausbrennen auf andere Prozesse auswirkt stehen mir leider nicht zur Verfügung. Sicherlich ist dies von Material zu Material unterschiedlich. Sie können Ceramic Resin beim Brennen glasieren um Lebensmittelechte Eigenschaften zu erzielen.

@Wolfgang
Als ich nach diesen kleineren Ofen suchte, fand ich nichts mit 1.300 C. Dass ich bei Etsy fündig werden soll, hat mich erstaunt. Ich werde auf jeden Fall gucken. Danke für den Tipp!

@Ursula
Vielen Dank für den Hinweis, bzgl. Schrühen und Quarzsprung. Lassen sich diese Temperaturschritte auch mit einem Muffelofen gut regeln?

wolle
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Re: Brennen von Kleinteilen ab 1270 C

Beitrag von wolle » Donnerstag 18. Juli 2019, 12:17

luz hat geschrieben:
Donnerstag 18. Juli 2019, 12:07

@Wolfgang
Als ich nach diesen kleineren Ofen suchte, fand ich nichts mit 1.300 C. Dass ich bei Etsy fündig werden soll, hat mich erstaunt. Ich werde auf jeden Fall gucken. Danke für den Tipp!
etsy: 1300 C Hochtemperatur Keramik/Keramik/Glasuren programmierbaren Ofen

Gruß,
Wolfgang

Ursula28
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Re: Brennen von Kleinteilen ab 1270 C

Beitrag von Ursula28 » Freitag 19. Juli 2019, 12:37

Hallo Wolfgang, das hängt von der Regelanlage ab.
Deinen Ausführungen entnehme ich, das Du vielleicht Goldschmied bist.
Ich habe als Jugendliche SilberdrahtSchmuck gefertigt und auf meinem Samttuch präsentiert und verkauft.
Nun mache ich eimal die Woche vormittags beim Goldschmied ein Praktikum.
Ich hätte Lust mal mit Dir zu telefonieren.
Gruß Ursula

luz
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Re: Brennen von Kleinteilen ab 1270 C

Beitrag von luz » Samstag 20. Juli 2019, 12:52

@Wolfgang
Danke, hab ihn gefunden.

@Ursula
Hab dir eine PN geschrieben.

wolle
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Re: Brennen von Kleinteilen ab 1270 C

Beitrag von wolle » Samstag 20. Juli 2019, 13:04

luz hat geschrieben:
Samstag 20. Juli 2019, 12:52
@Wolfgang
Danke, hab ihn gefunden.
Hi,
ich würde mit dem Verkäufer noch Deine Brennkurve diskutieren, denn so wie er dasteht, kann er die wahrscheinlich nicht.

Ansonsten gebraucht bei den üblichen Verdächtigen. Denk aber dran: wenn der Ofen bis 1280 Grad geht, sollten nicht alle Brände bis zur Maximaltemperatur gehen. Das killt den Ofen mit der Zeit (Keramik Kraft hat dazu ein Kapitel im Katalog).

Apropos: PYROTEC PY12H ECKIG kann 1300 Grad und kostet auch nicht mehr als das Etsy-Teil.

Welchen Ofen empfiehlt eigentlich der Hersteller der Masse?

Gruß,
Wolfgang

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