Brennkurven

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thomasb
Beiträge: 64
Registriert: Dienstag 26. März 2019, 22:27

Brennkurven

Beitrag von thomasb »

Hallo zusammen,

in meinem Kopf tummeln sich mittlerweile allerhand Fragmente von Informationen zu Brennkurven und die würde ich gerne mal vervollständigen. Das Forum habe ich schon durchsucht, aber da finde ich nur weitere Bruchstücke.

Gibt es zum Thema irgendeine Literatur, die die verschiedenen Möglichkeiten zusammenfasst?

Hier mal ein paar Fragen, die mir aktuell im Kopf kreisen, vielleicht weiß ja jemand eine Antwort:
- Wann nimmt man eine schnelle, wann eine langsame Brennkurve? Was heißt schnell und langsam? Irgendwo hab ich gelesen, dass nur die letzten beiden Stunden der Aufheizphase entscheidend sind, d.h. ob ich mit 50°C/h bis zur 1250 heize oder mit Volllast bis 1150 und dann mit 50/h weiter, sollte kein anderes Ergebnis liefern?
- Ich weiß, dass schnelles Abkühlen mit Haltezeit bei irgendeiner Temperatur die Kristallbildung fördert, aber bei welcher Temperatur genau für welche Glasur? Ich nehme an, das hängt vom Metalloxid ab, das die Kristalle bildet? In meinem aktuellen Fall wäre das Zink.
- Langsames abkühlen soll bei Nadelstichen helfen, aber wie langsam und bis zu welcher Temperatur macht das Sinn? Meine Transparentglasur hat ein paar winzig kleine Nadelstiche. Hilft auch langsameres aufheizen?
- Mit Segerkegeln kann man ja gut überprüfen, wie viel Hitze in den Ofen abgegeben wird, aber die Glasurhersteller geben meist eine Temperaturspanne an. Wenn auf meiner Glasur z.B. 1230-1260 steht, von welcher Brennkurve wird dann ausgegangen? Bei 15°/h und 1250°C fällt laut Tabelle Kegel Nr. 10, bei 150°/h Kegel Nr. 7.
- Es gibt ja auch noch die Messringe, die als Ergebnis eine Temperatur anzeigen. Ist die auch abhängig von der Brennkurve oder ergibt sich bei gleicher Zieltemperatur immer das gleiche Ergebnis, unabhängig Aufheizgeschwindigkeit und Haltezeit?
- Ich habe schon öfter gelesen, dass WAK von Masse und Glasur in etwa zusammenpassen müssen. WAK der Masse wird meist vom Hersteller angegeben, aber woher bekomme ich den WAK der Glasur? Ich hab gelegentlich Probleme mit Haarrissen, d.h. in dem Fall sollte der WAK gesenkt werden. Oder können Haarrisse auch mit der Brennkurve zu tun haben?

Natürlich wird es am Ende immer auf ausprobieren und optische Überprüfung hinauslaufen, aber etwas Grundwissen zu den Brennkurven erleichtert sicher die Reproduzierbarkeit und auch die Anpassungsmöglichkeiten bei Glasurfehlern.

Ich bin für alle Ratschläge dankbar!
Laborfuerdesign
Beiträge: 153
Registriert: Samstag 3. September 2016, 16:21

Re: Brennkurven

Beitrag von Laborfuerdesign »

Also... das sind recht viele Fragen. Und die Antwort zu jeder von ihnen könnte ein paar Seiten umfassen. Ich würde dir empfehlen, in das Buch "Keramische Glasuren" von Wolf Matthes zu investieren. Es gibt kein technisch fundierteres Buch in deutscher Sprache (oder englischer) und du scheinst ja mehr als nur ein hobbymässiges Interesse zu hegen. Die Lektüre könnte dir Spaß machen und würde auf jeden Fall alle deine Fragen beantworten.

Nur kurz was zur Kristallisation in Glasuren. Zink kristallisiert sehr bereitwillig in so ziemlich jeder Glasurbasis, sofern es in ausreichender Konzentration vorhanden ist. Je größer die Konzentration, desto unspezifischer kann die Brennkurve sein. Ab ca. 20% erhält du Kristalle, ob du sie willst oder nicht und egal wie schnell oder langsam du kühlst. Nur werden das keine großen, bunten Eisblumen sein, sondern vielmehr eine krustige Ansammlung stacheliger Nadeln, die meistens einfach nur bäh aussehen und sich schrecklich anfühlen. Damit die Kristalle wachsen können, ohne sich gegenseitig zu überwuchern, dürfen nicht zu viele Kristallkeime in der Glasur verbleiben, daher die oft hohen Endtemperaturen. Der Glasurträger muss so glatt sein wie möglich und frei von Verunreinigungen, daher die Vorliebe für Porzellan. Die Glasurschmelze muss sehr leichtflüssig sein, damit sich die Kristalle ausbreiten können, daher das enorme Laufen der meisten Kristallglasuren. (Wobei das anscheinend vermieden werden kann, siehe Andy Boswell von Kaolin Tiger Studios).

Ausserdem müssen gewisse andere Rohstoffe in der Glasur vorsichtig bedacht werden. So beeinflussen zB Lithium, Titan und Strontium das Wachstum und Aussehen von Zink Kristallen ganz besonders. Was die Temperatur angeht, Zink kristallisiert am besten über 1100C° also deutlich höher als es Calcium und Magnesium tun. Wenn du eine Effektglasur mit Zinkkristallen selber mischen willst, dann such dir am besten ein Rezept, bei dem die Brennkurve mit angegeben ist. Da gibt es im Internet viele. Wenn du eine gekaufte verwendest, frag einfach den Hersteller nach der besten Brennkurve. :-)
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